In der Klasse E haben wir bereits die Kapazität eines Kondensators sowie sein qualitatives Verhalten bei Wechselspannung kennengelernt: Ein Kondensator verhält sich wie ein frequenzabhängiger Widerstand. Dabei haben wir zunächst festgehalten, dass der kapazitive Blindwiderstand umgekehrt proportional zur Frequenz ist. Verringert man die Frequenz, so wird der Blindwiderstand $X_C$ größer. Erhöht man hingegen die Frequenz, nimmt der Widerstand entsprechend ab. Der Sachverhalt eines Kondensators bei Wechselspannung lässt sich durch die Formel für den kapazitiven Blindwiderstand $X_C$ beschreiben:
$|X_C| = \frac{1}{\omega\cdot C} = \frac{1}{2\pi\cdot f \cdot C}$
In der Klasse A wollen wir dieses Verhalten nun genauer betrachten und auch erfahren, warum dieser Widerstand als "Blindwiderstand" bezeichnet wird. Zunächst müssen wir uns allerdings noch merken, dass der Blindwiderstand eines Kondensators auch negativ ist, um die folgende Frage lösen zu können:
Prüfungsfrage AC102
Welches Vorzeichen hat der Blindwiderstand eines idealen Kondensators und von welchen physikalischen Größen hängt er ab? Der Blindwiderstand ist ...
Lösung
A
positiv und abhängig von der Kapazität und der anliegenden Frequenz.
B
negativ und unabhängig von der Kapazität und der anliegenden Frequenz.
C
negativ und abhängig von der Kapazität und der anliegenden Frequenz.
D
positiv und unabhängig von der Kapazität und der anliegenden Frequenz.
Warum ist der kapazitive Blindwiderstand negativ? Der Hintergrund liegt in der komplexen Wechselstromrechnung, die für die Amateurfunkprüfung nicht zwingend erforderlich ist.
Für Leserinnen und Leser mit Kenntnissen in komplexen Zahlen sei jedoch angemerkt, dass die korrekte Darstellung des kapazitiven Blindwiderstands eigentlich
$X_C = \frac{1}{j\omega C}$
lautet. Dabei steht $j$ für die imaginäre Einheit $\sqrt{-1}$.
Erweitert man diesen Ausdruck mit $j$, ergibt sich:
$X_C = \frac{1}{j\omega C} = \frac{1 \cdot j}{j\omega C \cdot j} =\frac{-j}{\omega C}$
Daraus wird ersichtlich, dass der kapazitive Blindwiderstand nicht nur negativ, sondern auch komplex ist. Das negative Vorzeichen beschreibt dabei die Phasenlage zwischen Strom und Spannung am Kondensator welche wir in diesem Kapitel noch genauer betrachten.
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Moderne, kostengünstige Messgeräte, die Funkamateure heutzutage gerne einsetzen, sind Antennenanalyzer oder vektorielle Network Analyzer (VNA). Sie messen die Veränderung des Blindwiderstandes $X_C$ in Abhängigkeit der Frequenz und können das Messergebnis auch grafisch darstellen.
Abbildung A-3.2.1 zeigt die Veränderung des kapazitiven Blindwiderstandes (blaue Linie) eines $1500 pF$ Styroflexkondensators im Frequenzbereich von $1-4,5 MHz$.
Prüfungsfrage AC104
Wie groß ist der Betrag des kapazitiven Blindwiderstands eines Kondensators mit 10 pF bei einer Frequenz von 100 MHz?
Lösung
A
318 Ohm
B
31,8 Ohm
C
159 Ohm
D
1,59 kOhm
Prüfungsfrage AC105
Wie groß ist der Betrag des kapazitiven Blindwiderstands eines Kondensators mit 50 pF bei einer Frequenz von 145 MHz ?
Lösung
A
ca. 22 Ohm
B
ca. 18,2 kOhm
C
ca. 69 Ohm
D
ca. 0,045 Ohm
Prüfungsfrage AC106
Wie groß ist der Betrag des kapazitiven Blindwiderstands eines Kondensators mit 100 pF bei einer Frequenz von 100 MHz?
Lösung
A
ca. 31,8 Ohm
B
ca. 159 Ohm
C
ca. 15,9 Ohm
D
ca. 3,2 Ohm
Prüfungsfrage AC107
Wie groß ist der Betrag des kapazitiven Blindwiderstands eines Kondensators mit 100 pF bei einer Frequenz von 435 MHz ?
Lösung
A
ca. 3,7 Ohm
B
ca. 0,27 Ohm
C
ca. 11,5 Ohm
D
ca. 27,3 kOhm
Bei der folgenden Frage ist die Kapazität gesucht. Versuche hierfür die Formel umzustellen, damit du die Kapazität $C$ berechnen kannst:
Prüfungsfrage AC108
An einem unbekannten Kondensator liegt eine Wechselspannung mit 16 V und 50 Hz. Es wird ein Strom von 32 mA gemessen. Welche Kapazität hat der Kondensator?
Lösung
A
ca. 0,637 μF
B
ca. 6,37 μF
C
ca. 0,45 μF
D
ca. 4,5 μF
Führt man eine gleichzeitige Strom- und Spannungsmessung an einem Kondensator mit einem Zweikanal-Oszilloskop durch (vgl. A-3.2.2 ), zeigt sich ein zunächst überraschendes Ergebnis: Zwischen Strom und Spannung besteht eine Phasenverschiebung von $90 °$, wobei der Strom der Spannung vorausläuft.
Das bedeutet, dass der Strom bereits seinen Maximalwert erreicht, während die Spannung noch ansteigt. Dieses charakteristische Verhalten ist eine grundlegende Eigenschaft von Kondensatoren und spielt eine wichtige Rolle in der Wechselstromtechnik, insbesondere bei Filtern und Schwingkreisen.
Die rote Linie in Abbildung A-3.2.1 stellt die Phasenlage des kapazitiven Blindwiderstandes bei nahezu konstanten $-90 °$ dar.
Prüfungsfrage AC101
Ein verlustloser Kondensator wird an eine Wechselspannungsquelle angeschlossen. Welche Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom stellt sich ein?
Lösung
A
Die Spannung eilt dem Strom um 90 ° voraus.
B
Die Spannung eilt dem Strom um 45 ° voraus.
C
Der Strom eilt der Spannung um 90 ° voraus.
D
Der Strom eilt der Spannung um 45 ° voraus.
Merkhilfe: Beim Kondensat*ooo*r eilt der Strom v*ooo*r!
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Die Phasenverschiebung zwischen Spannung und Strom beträgt also $90 °$, wobei der Strom (rot) der Spannung (blau) voreilt, wie in Abbildung A-3.2.3 gezeigt. Betrachtet man die momentane Leistung mit $P = U \cdot I$, so ergibt sich eine Leistungskurve (grün), die symmetrisch um die Nulllinie schwankt, ebenfalls dargestellt in Abbildung A-3.2.3 .
Prüfungsfrage AC111
An einem Kondensator mit einer Kapazität von 1 μF wird ein NF-Signal mit 10 kHz und 12 V$_{\textrm{eff}}$ angelegt. Wie groß ist die aufgenommene Wirkleistung im eingeschwungenen Zustand?
Lösung
A
9 W
B
0,9 W
C
0,75 W
D
Näherungsweise 0 W
Prüfungsfrage AC103
Welcher der folgenden Widerstände hat keine Wärmeverluste?
Lösung
A
Der NTC-Widerstand
B
Der Wirkwiderstand
C
Der Metalloxidwiderstand
D
Der Blindwiderstand
Erwärmt sich ein Kondensator in Hochfrequenzanwendungen dennoch, so ist dies ein Hinweis auf Verluste im Bauteil. Ein idealer Kondensator würde keine Energie in Wärme umsetzen, reale Kondensatoren besitzen jedoch parasitäre Eigenschaften, die zu Verlusten führen.
Diese Verluste lassen sich im Ersatzschaltbild erkennen: Der Widerstand $R_\text{ESR}$ (Equivalent Series Resistance) beschreibt die ohmschen Verluste im Kondensator, während $R_\text{Isolator}$ die Verluste im Dielektrikum modelliert. Zusätzlich beeinflusst die parasitäre Induktivität $L_\text{ESL}$ das Verhalten bei hohen Frequenzen.
Zur technischen Bewertung dieser Verluste verwendet man die Güte $Q$ (Quality Factor) sowie den Verlustfaktor $\tan\delta$. Beide Größen beschreiben, wie stark ein realer Kondensator vom idealen Verhalten abweicht.
Zwischen beiden Größen besteht ein direkter Zusammenhang:
$Q = \frac{1}{\tan\delta}$
Merke: Hohe Verluste führen zu einer niedrigen Güte $Q$ und damit zu einem großen Verlustfaktor $\tan\delta$. Je höher die Frequenz, desto stärker wirken sich diese Verluste aus, da der Blindwiderstand $X_C$ mit steigender Frequenz abnimmt, während die parasitären Widerstände konstant bleiben.
Abbildung A-3.2.4: Ersatzschaltbild eines realen Kondensators mit parasitären Verlusten.
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Prüfungsfrage AC109
Kommt es in einem von Wechselstrom durchflossenen realen Kondensator zu Verlusten?
Lösung
A
Nein, bei Wechselstrom treten keine Verluste auf.
B
Ja, infolge von Verlusten in Dielektrikum und Zuleitung
C
Ja, infolge des Blindwiderstands
D
Nein, beim Kondensator handelt es sich um eine reine Blindleistung.
Prüfungsfrage AC110
Neben dem kapazitiven Blindwiderstand treten im von Wechselstrom durchflossenen Kondensator auch Verluste auf, die rechnerisch in einem parallelgeschalteten Verlustwiderstand zusammengefasst werden können. Die Kondensatorverluste werden oft durch ...
Lösung
A
den relativen Blindwiderstand in Ohm pro Farad angegeben, mit dem die Kondensatorgüte berechnet werden kann.
B
den relativen Verlustwiderstand in Ohm pro Farad angegeben, mit dem die Kondensatorgüte berechnet werden kann.
C
den Verlustfaktor tan $\delta$ angegeben, der dem Kehrwert des Gütefaktors entspricht.
D
den Verlustfaktor cos $\phi$ angegeben, der dem Kehrwert des Gütefaktors entspricht.
Durch die komplexe Wechselstromrechnung kann man den Blindwiderstand $X_C$ mit den parasitären Verlusten $R$ in Form eines Zeigerdiagramms darstellen:
Abbildung A-3.2.5: $\tan\delta$ im Komplexen Zeigerdiagramm
Der Tangens beschreibt ja das Verhältnis von Gegenkathete zu Ankathete, also in diesem Fall die Verluste $R$ im Verhältnis zum verlustfreien kapazitiven Blindwiderstand $X_C$.
$\tan\delta = \frac{R}{|X_C|}$
Je größer die Verluste, desto größer ist der Winkel $\delta$ und damit auch der Verlustfaktor $\tan\delta$. Ein idealer Kondensator würde einen Winkel von $\delta = 0$ Grad aufweisen, da er keine Verluste hat.
Durch diese komplexe bzw. geometrische Addition ergibt sich die Größe $Z$. Sie wird als Impedanz bezeichnet und beschreibt den komplexen Gesamtwiderstand eines Bauteils. Der Betrag der Impedanz $|Z|$ entspricht dem sogenannten Scheinwiderstand .